Ich bin sehr gespannt. Knapp 1 Jahr habe ich darauf gewartet und nun stehe ich vor den Toren des „Shaolin-Temple-Europe“ in Otterberg, Rheinland Pfalz. Am Fuße eines dicht bewaldeten Berges, mit Blick auf eine weite Grünlandschaft liegt der Tempel malerisch in einer Atmosphäre von beeindruckender Natur und Stille. Das einzig zarte Geräusch kommt von den Baumwipfeln, die sich im Wind sachte hin und her wiegen. Der leichten inneren Spannung macht sich jetzt schon eine friedliche Stimmung breit.

Ein junger Mönch erledigt mit den nun immer zahlreicher erscheinenden Teilnehmern des „Klosters auf Zeit“ die notwendigen Formalitäten, wie die Begutachtung der „Sportärztlichen Bescheinigung“ und der unterschriebenen Teilnehmererklärung. Danach geht es durch das große rote Tor auf das Gelände des Klosters. 17 Gäste sind wir in dieser Woche.

Ich beziehe ein 4 – Bettzimmer. Martin kommt aus der Schweiz und ist erfahrener Kampfsportler. Im Etagenbett da drunter liegt Aron. Aron ist der Youngster im Zimmer und als Breakdancer sportlich ebenfalls ganz vorn. Carsten kommt aus Kiel und ist neben mir das zweite Nordlicht in unserer Vierer-Gemeinschaft.  Alle fühlen sich vom Training der Shaolin-Mönche angezogen. Aber nicht nur das: der buddhistische, taoistische und konfuzianische Ansatz sorgt für großes Interesse.

Auch sonst  ist die Gruppe recht bunt gemischt. Nicht nur „Sportskanonen“ sind dabei, auch Männer und Frauen bei denen der athletische Aspekt nicht so sehr im Vordergrund steht.

Dann geht es los: das erste Training wird per Gong „eingeläutet“. Aus irgendwelchen Gründen denke ich mir, dass es heute, am ersten Tag, nicht besonders intensiv zugehen wird. Das erweist sich als Trugschluss. Ich zieh´ mir ein T-Shirt über, meine Qi – Gong Baumwollhose und meine dünn besohlten Hallenschuhe, da ich nicht davon ausgehe, noch laufen gehen zu müssen. Weit gefehlt! Die Ansage lautet: Wir gehen joggen!

Auf dem Gipfel wartet die Erleuchtung

Shi Miao Hai rennt los. Die „Disciples“ (Mönche auf Probe) hinterher und wir Gäste – starr vor Schreck – versuchen den Anschluß zu halten. Es geht die Teerstrasse bergab, links rum und einen Berg hoch. Meine Waden vermelden sofort Irritation. In Schleswig – Holstein sind sie das nicht gewohnt.

Der Berg ist lang…sehr lang! Laufen kann ich ja, rede ich mir ein. Das jahrelange Marathon- und Triathlontraining sollte hier hilfreich sein. Nach einer Weile laufen wir einen Berg wieder runter und werden jetzt instruiert, uns auf dem Teerweg in 2er – Reihen aufzustellen: 10 Liegestütze und den Berg etwa 50 bis 100m hoch sprinten. Das Ganze 10 mal. Neben mir einer der jungen Mönche. Der sprintet los. Ich versuche dran zu bleiben. Wird aber nix.

Anschliessend trifft sich die Gruppe auf dem Trainingsfeld. Weiter geht’s. Dehnen und Qi – Gong zur Erholung. Dann folgen Übungen aus dem Kung – Fu Trainingsprogramm. Ungewohnt, weil fast alles in gehockter Stellung stattfindet. Neben der geschundenen Waden, beschweren sich nun auch die  Oberschenkel: Was zum Teufel geht hier vor?

Nach dem Abendbrot findet noch eine Runde Qi – Gong statt. Ausserdem lernen wir bei einer buddhistischen Zeremonie den Abt des Klosters kennen. Um 22 Uhr ist Schlafenszeit. In unserem 4-Bett-Zimmer wird gemutmaßt, dass dieser erste Tag sicher nur als Testung der Gruppe gedacht ist. Die nächsten Tage werden sicherlich weniger anstrengend. Ja, ja….!

Am nächsten Morgen signalisiert der Körper im Bereich der unteren Extremitäten eine gewisse Panik. Aber ersteinmal Frühstück um 7.00 Uhr. In Stille und Dankbarkeit, gefolgt von einer 40-minütige Meditation in der Buddhahalle, gemeinsam mit den Mönchen des Klosters.

Dann geht’s wieder zum Joggen. Diesmal in Laufschuhen. Und diesmal, nach einem kurzen Aufwärmen, biegen wir sofort links ab, den Anstieg hoch. „Distanziere Dich von Deinem Geist. Der Geist will, dass Du aufhörst. Du bist stärker als Dein Geist!“ Tja…bin ich das? Sind wir das? Letztendlich erreichen alle den Gipfel. Respekt schleicht sich ein, gegenüber denjenigen, die sichtlich schwer zu ackern haben.  Diejenigen, die zuerst oben sind, dürfen zur Belohnung in Hockstellung auf die anderen warten. Nach 30 Minuten sind wir wieder an unserem Trainingsfeld. Ich wechsle noch schnell das Schuhwerk und komme deshalb etwas zu spät, was 70 Liegestütze extra bedeutet. Das wird zwar nicht kontrolliert, aber ich mach` sie trotzdem, aufgeteilt in 3 Häppchen.

Dann wieder ständiges „Stehen und Bewegen in Hocke“. So kommt es mir jedenfalls vor. Der Körper weint. Mittendrin dann eine kurze Unterbrechung. Meister Shi Heng Yi erscheint auf dem Platz und übernimmt das weitere Training. Er scheint die Anstrengungen der Gruppe zu bemerken und meint:“ Ihr müsst das Ganze wie ein Spiel sehen. Lächelt.“ Und wieder:“ Lasst das Drama aus dem Geist.“

Nach dem Training werden wir zur ersten Arbeitsmeditation eingeteilt. Unkraut zupfen und Brombeersträuche aus dem Boden ziehen. Dies sei wohl ein Projekt, das es seit gut 5 Jahren gibt. Na denn. Dann machen wir das eben. Um 13 Uhr Mittagessen, Gegen 15 Uhr  folgt ein Buddhistischer Vortrag vom Abt Shi Heng Zong. Dann wieder Training, Abendessen, Qi Gong, Zeremonie und um 22 Uhr „Zapfenstreich“. So sind auch die nächsten Tage vom Ablauf her strukturiert.

 

Justiere Körper und Geist

Am Mittwoch gibt es vom Shifu (Shi Heng Yi) einige Belehrungen und Anmerkungen zum Training: „Mit Qi Gong und Tai Ji lernst Du Dich kennen. Es ist ein Weg zur Freiheit.“ Und weiter:“ Mit Qi Gong justierst Du Deinen Körper. Du wirst in allem besser: Schwimmen, Radfahren, Golfen…Schlafen, Wach sein, Alt werden.“

Ich ahne was er meint und stimme ihm innerlich zu. Dies spiegelt meine eigene Erfahrung wider. Körperliche Wehwehchen verschwinden, der Bewegungsradius erhöht sich und die Birne wird klar. Der gesunde, also der im Grunde normale Zustand des „Menschseins“, stellt sich (wieder) ein.

Beim Qi Gong und dem Kung Fu Übungen bemerke ich, wie arg eingeschränkt ich bin. Mein Körper hat sich in den letzten Jahren den Bewegungsabläufen angepasst, die ich ihm angeboten habe. Mehr nicht. Will ich aus diesen Mustern raus, wird es problematisch. Den Körper in Balance zu halten fällt mir unendlich schwer. Längere Zeit auf einem Bein zu stehen, geht nicht. Ein einziges Gewackel. Bei koordinativen Bewegungsabläufen zeigt sich noch weit mehr Defizit. Die Verbindung von Hirn und Körper scheint irgendwo unterbrochen zu sein. Von muskulär – neurologischen Abgründen will ich an dieser Stelle gar nicht sprechen.

Aber…und das sind „good news“: Veränderung geschieht bereits beim ersten Üben. Dir wird sofort klar, an welchen Stellschrauben zu drehen ist. Du kannst sofort mit dem „Justieren“ beginnen.

Achtsamkeit 

Wenn ich den Shifu richtig verstanden habe, geht es bei der Arbeit mit dem  Körper darum, ein immer feineres Bewusstsein zu entwickeln. Es kommt immer mehr Justierungsbedarf zum Vorschein. Und das ist selbstverständlich nicht nur auf den Körper beschränkt.

Du wirst zum Chef Deines eigenen Lebens. Du machst Dich immer unabhängiger von äußeren Einflüssen.

Und: es schleicht sich immer mehr Achtsamkeit ein in Deinen Alltag. Achtsamkeit ist das Herz aller Dinge. Hier findest Du auch alle Antworten und alle Entscheidungen, die wichtig sind in Deinem Leben. Das Problem beim Denken (Hirn) ist, dass dort Zweiheit herrscht. Immer „ja“, oder „nein“, immer „soll ich“, oder „soll ich nicht“? Dabei läufst Du Gefahr, Dich zu verlieren. Der Verstand trifft die Entscheidungen immer auf Grund von Konzepten und Gelerntem von Außen. Eltern, Schule, Kultur, Religion etc. Das Herz spricht aus Dir selbst zu Dir. Statt „Herz“ kannst Du auch den Begriff „Intuition“ benutzen.

Hausputz des Geistes

Mal abgesehen davon, dass es im Kloster keine Möglichkeit gibt, sich ins World Wide Web einzuloggen und ein Telefonnetz praktisch nicht vorhanden ist, sorgt der strukturierte Tagesablauf mit seinen Übungen, der Stille, der Meditation und der ständig präsenten „Introperspektive“ für eine Fastenzeit des Geistes. Das ständige Gedankengequassel kommt zur Ruhe. In der Folge wird eine „Aufgeräumtheit“, eine Klarheit (wieder)-entdeckt, deren Auswirkung auf allen Ebenen zu spüren ist. Innerlich, wie körperlich. Ein intensiver „Hausputz“.

 

 

Sowas wie ein Fazit

Zu Beginn der Woche übermittelt der Abt des Klosters allen Teilnehmern ein eindeutiges, klares Statement:“ Wir sind hier ein Buddhistisches Kloster. Wir sind keine Kung – Fu Schule mit Altar – Ecke.“ Diese Aussage holt mich direkt ab und innerlich entlockt sie mir ein freudiges „Gott sei Dank“. In einem buddhistischen Kloster geht es um Buddhas Lehre. Das wollte ich. Ich wollte eine Ahnung bekommen von der Symbiose der Lehre Buddhas und dem Weg der Shaolin Mönche. Und? Mission accomplished? Hab` ich es kapiert? Nicht doch!  Da ist sowas wie ein feiner Geschmack auf der Zunge. Da ist ein Schimmern im Herzen. Ein Echo, ein Widerhall. Der Verstand ist versucht, Worte aus den Ärmeln zu schütteln. Ein sinnloses Unterfangen. Was bleibt, was mir bleibt, ist innerlich zu grinsen und dankbar zu sein für diese Woche mit den Mönchen, den Shifus, dem Abt, der charmanten Küchenfee, den vierbeinigen Buddhas der Gemeinschaft, den Katzen, den Hunden, den beiden Pferden und letztendlich meinen 16 mutigen „Brüdern und Schwestern“ auf Zeit.

Ich werde wiederkommen. Bis dahin will ich täglich üben, um den zerstörten Waden und Oberschenkeln aus dem Wege zu gehen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt: der Shifu wird Wege finden mich abermals in die Enge zu treiben, mich an den „Point of no return“ zu lotsen, um mich dann mit einem verschmitzten Grinsen aufzufordern: „Lächle! Es ist alles nur ein Spiel.“

Und zum Schluß dies:

Es ist kurz nach dem Abendbrot. Ein junger Mönch räumt gerade den Essenraum auf. Ich frage ihn, warum er sich für dieses Leben im Kloster entschieden hat. Er antwortet: Menschen sind dazu da, geliebt zu werden. Dinge sind dazu da, benutzt zu werden. Aber so ist es nicht in unserer Welt. Dinge werden geliebt und Menschen benutzt. So möchte ich nicht leben. 

Gassho

Donnerndes Schweigen

 

 

 

 

 

 

 

 

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